Sunday, 14 March 2010 12:54 am Empty Rooms | Ausstellung des Fachbereichs Medienkunst 2005
Was (Medien-)Kunst zur Kunst macht...
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Die Kunst(-Geschichte) des 20. Jahrhunderts hat den Rahmen und den Sockel verabschiedet und die Aufmerksamkeit vom Werk zum Raum und vom Ausstellungsraum zu weiteren systemischen Umwelten verschoben.

Der White Cube, dessen Genese und Krise Brian O’Doherty beschrieben hat, garantiert bis heute eine Systemgrenze, von der der 1934 in Irland geborene, seit 1957 in den USA lebende Kunstkritiker und Künstler in der Kunstzeitschrift Artforum 1976 schreibt: „Wenn wir die weiße Zelle nicht einfach loswerden können, dann sollten wir versuchen, sie zu verstehen. [Sie] ist die einzige bedeutende Konvention des Kunstlebens.“

Im 20. Jahrhundert ist sie wiederholt in Frage gestellt worden. Die historischen Avantgarde-Bewegungen, Happening und Fluxus, haben ebenso an der Grenze autonomer Kunst gezerrt wie zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler, die als Dienstleister operieren oder bewußt nicht-künstlerische Räume und Handlungen in das Kunstsystem zu integrieren versuchen. Sie haben auf ganz unterschiedliche Weise den White Cube geöffnet und die zuvor ausgegrenzte, alltägliche, nicht-künstlerische Wirklichkeit einbezogen. Food, ein Restaurant-Projekt von Tina Girouard, Caroline Goodden und Gordon Matta-Clark im SOHO, New York, in den 1970er Jahren steht ebenso für die Entgrenzung wie zeitgenössische Projekte von Rikrit Tiravanija, Jorge Pardo, Christine Hill, Mischa Kuball, Heimo Zobernig u.a. Als Dienstleister im Kunstbetrieb schlagen sie die Brücke von angewandter zur autonomen Kunst und von der Kunst zur Alltags-Wirklichkeit.

Was für ein Ereignis ist nun ein von Gegenständen, Kunst-Werken, befreiter Raum in einer Kunst-Institution? Yves Klein hatte bereits in den 1950er Jahren die Galerie Iris Clert in Paris entleert und sie anläßlich der Eröffnung von Le Vide mit neugierigen Besuchern gefüllt. In den 1970er Jahren trieb Michael Asher den Prozeß radikal weiter: Er ließ in der Galerie Toselli 1973 Anstrich und Putz entfernen und legte so die architektonischen Parameter des White Cube offen.

Andere Künstlerinnen und Künstler arbeiteten seit Mitte der 1960er Jahre an einem Prozeß, den Lucy R. Lippard als „The dematerialization of the art object“ beschrieben hat. Die werkorientierte Kunst der Nachkriegsmoderne verfl üchtigte sich in den 1960er und 1970er Jahren. Conceptual Art, Performance und Aktionskunst veränderten die Beziehung von Werk, Raum und Betrachter.

O’Dohertys Beobachtung, daß sich der Galerie-Raum mit dem Beginn der Postmoderne geöffnet habe, die Wand zur „Membrane“ geworden sei, durch die ästhetische und ökonomische Werte zirkulieren,3 bietet einen Ausgangspunkt für die Überlegung, was nicht allein ein „empty room“, sondern die Verschiebung der dort während einer Werkschau erwarteten Werke in ein anderes Medium und Aufschreibesystem bedeutet. Die während der jährlichen Rundgänge der Kunst- und Medien-
hochschulen in Ausstellungsräume verwandelten Klassen- und Atelierräume fungieren üblicherweise als Rahmung der Werke, die im vergangenen Jahr in der jeweiligen Klasse entstanden sind. Sie bieten Raum für eine öffentliche Präsentation, die sich der Konventionen des White Cube bedient.

Nun werden anläßlich der jährlichen Werkschau die Kunst-Werke entmaterialisiert; sie verschwinden aus dem Ausstellungsraum, um fotografi ert und reproduziert in der Zeitung Munitionsfabrik wieder aufzutauchen. Damit hat sich freilich nicht nur der Rahmen verändert, in dem die Kunst erscheint, sondern die Kunst selbst. Entauratisiert wird sie aus dem Ausstellungsraum in ein hochaufl agiges Print-Medium verschoben, um hier auf eine radikal veränderte Weise öffentlich zu werden.

Ob die Emphase Bertholt Brechts oder Walter Benjamins, massenhaft reproduzierte und den Leser/Hörer einbeziehende Kunst könne sich selbst revolutionieren, in einer Zeit veränderter technischer und kommerzieller Parameter, sowie einem damit einhergehendem „Schicksal der Zeichen“ (Fredrick Jameson) noch Aktualität besitzt – diese Frage steht mit der Aktion „empty rooms“ der HfG Karlsruhe zur Disposition. Wenn in der Zeit vom 13. bis zum 17. Juli 2005 die in dem vergangenen Jahr in der Hochschule produzierten Kunst-Werke aus dem Ausstellungsraum verschwinden und durch kunstwissenschaftliche Kommentare gerahmt, in der Zeitung Munitionsfabrik als fotografi sche Reproduktionen wieder auftauchen, so werden hier auf produktive Weise die (Re)Präsentationsbedingungen von „Werken“ in den Kunst- und Medienhochschulen befragt. Offen bleibt jedoch, ob und wie sich der in der Hochschule entleerte Raum wieder füllt. Dort, wo sonst – weitgehend unbewußt – ästhetische Diskurse die Begegnung von Werk und Betrachter organisierten, stapeln sich Zeitungen, die mit ihren Texten, Reproduktionen und den damit einhergehenden Diskursen den Raum erneut füllen. Im besten Fall werden damit nicht nur die traditionellen Präsentationsweisen von Kunst thematisch, sondern auch die erweiterten Rahmenbedingungen, die (Medien-)Kunst als Kunst wahrnehmbar machen.

1 Brian O’Doherty: In der weißen Zelle. Inside the White Cube, hrsg. von Wolfgang Kemp, Berlin1996, S. 88, 90.

2 Lucy R. Lippard: Six Years. The Dematerialization of the Art Object from 1966 to 1972, New York 1973.

3 Brian O’Doherty, a.a.O, S. 88



FRIEDERIKE WAPPLER
ist Museumskustodin und wissenschaftliche
Mitarbeiterin der Ruhr-Universität Bochum und Lehrbeauftrage des Fachbereichs Kunst- und Medienwissenschaften der Universität Konstanz.
friederike.wappler@rub.de
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