Thursday, 02 September 2010 05:33 pm Empty Rooms | Ausstellung des Fachbereichs Medienkunst 2005
Die Kunst faltet sich ein
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Zur Einführung in eine seltsame Ausstellung Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5
Gibt es einen Liehbhaber der Künste, der nie davon geträumt hat, in ein Museum einzudringen, um mit dem Werk seiner Wahl allein zu sein? Läßt sich eine Werkbetrachtung denken, die nie davon überzeugt war, die einzige zu sein, in der das Objekt ganz zu sich kam? Sollte es Kenner ästhetischer Geheimnisse geben, die nicht vertraut wären mit der Versuchung, die anderen Blicke auf das Werk zu verbieten?
Der Kunstbetrieb ist ein System der Eifersüchte. In ihm geht das Begehren der Werke darauf aus, Objekte des Begehrens zu werden. Hat ein Werk Begehren auf sich gezogen, so treten die Rivalen daneben und wollen sich das Verlangen aneignen, das dem anderen galt. In allen Objekten glitzert das Verlangen nach dem Verlangen der anderen. Der Markt macht sinnlich, der Hunger nach Begehren macht schön, der Zwang zum Auffallen erzeugt das Interessante. Dieses System funktioniert so lange, wie der Gedanke an den erfüllten Augenblick tabu bleibt. Obwohl die Werke an das Begehren appellieren, ist ihnen die Hingabe an ihre Aneigner untersagt. Ihr Wert lebt davon, daß sie sich ihren Besitzern verweigern und auf weitere Angebote warten.
Seit zwei Jahrhunderten ist die Verbürgerlichung der Gier im Gang. Sie hat nach dem Großbürgertum auch den Mittelschichten eine neue Sinnlichkeit erschlossen. Der Wertmagnetismus versetzt inzwischen ein wahrnehmbares Publikum in eine kleine Hitze. Wer jemand sein will, eröffnet in seinem Innern ein Konto für die Kunst. Es fällt nicht ins Gewicht, daß auf dem Konto nur wenige Bewegungen stattfi nden. Was zählt ist, daß von da an viele Augen den Markt beobachten. Das Ich des Beobachters wird zum Anlageplatz für Werte und Bedeutungen. Nur ein kontoförmiges Selbst eignet sich für die Gutschreibung wortförmiger Kunst. Hätte ich nicht schon die Ichform eines möglichen Besitzers von Werken und Weiten, so besäßen die Werke für mich keinen Wertappeal. Ich habe ein Konto, ich bin ein Konto, ich buche auf mir meine Guthaben. Ein Werk wird für mich in dem Maß bedeutend, wie ich seinen Wert auf mir buchen kann. Das ist der aktuelle Stand des Wertfetischismus. Hat es die Kunst von Anfang an so gemeint? War sie nie eine überschwengliche Veröffentlichung von Kräften, die zu frei waren, um besessen zu werden? Wovon sprach Kandinsky, als er schrieb: „In jedem Bild ist geheimnisvoll ein ganzes Leben eingeschlossen, ein ganzes Leben mit vielen Qualen, Zweifeln, Stunden der Begeisterung und des Lichts?“ Gab es nie Überweisungen, deren Auftraggeber von der Gutschrift bei einem anderen ganzen Leben träumten? Inzwischen ist die Kunstwelt, von den Privatkonten überzogen. Kann sich die Kunst von ihnen abheben?

Die Kunstausstellung als Offenbarung der Werkmächte
Vor dem Anbruch der Moderne war im Gesamtbestand der Welt die Zahl der Dinge, die als Menschenwerke angesprochen werden konnten, sehr gering. Neben dem von Natur aus Bestehenden fi el das von Menschen Hergestellte kaum ins Gewicht. Unter dem Hergestellten und Selbstgemachten wiederum nahmen die Kunstwerke im eigentlichen Wortsinn einen verschwindend kleinen Raum in Anspruch. Wo die Schwergewichte des Lebens bei natürlichen und traditionellen Kräften liegen, müssen sich Men-
schen vor allem als Empfänger des Seins und als Bewahrer uraltsakraler Ordnungen verstehen. Die mächtigsten Zeugnisse früher hochkultureller Werkmacht, die Sakralbauten, sind technische Antworten auf die Ideen des Heiligen und der Majestät gewesen. Mit ihnen beginnt die artistische Abarbeitung am Numinosen. Seit das neuzeitliche System des selbstmächtigen Herstellens in Gang gesetzt wurde, gerät das menschliche Selbstverständnis in Bewegung. Die Subjektivität rückt zunehmend in die Position des Absenders von Sein und Seiendem; sie schließt die Urheberposition für sich auf; sie entdeckt, daß die Ordnung der Welt weniger etwas von den Anfängen her zu Bewahrendes und zu Wiederholendes ist, als vielmehr etwas zu Überholendes und nach vorgreifenden Entwürfen Herzustellendes. Jetzt kann gesagt werden, daß die Welt nicht nur verschieden interpretiert, sondern entscheidend verändert werden müsse. Sie ist kein fester Bestand mehr, der sich nach eigenen Gesetzen reproduziert, sie ist eine Baustelle, die sich nach menschlichen Plänen transformiert.
Das Genie und der Ingenieur werden zu Leitfiguren einer beispiellosen Begeisterung des Menschen durch sich selbst. Sie stehen als Garanten für die Werkmächtigkeit des Menschen ein. Wo diese zum Selbstbewußtsein kommt, kann sich dort der moderne Wille zur Überbietung des Menschen durch den Menschen entzünden. Daher trägt das neuzeitliche Kunstwerk eine anthropologische und ontologische Mission: durch sein Fertigwerden beschwört es die menschliche Werkmacht schlechthin herauf; durch seine Kunsthöhe verkündet es die Überbietung der Natur durch die Herstellung. Das ist der doppelte Sinn der Vollkommenheit von Kunst. Darum lag seit jeher ein Hauptmotiv neuerer Künste im Aufscheinen des Könnens. Im Werk wird die menschliche virtù zur Virtuosität; es ist für Menschen tugendhaft, werkmächtig zu sein. Das Können, das sich sehen läßt, bringt also nicht künstlerische Eitelkeit an den Tag. Was in ihm hervortritt, ist die sich neu formierende Subjektivität, der es gegeben ist zu lernen, was gelernt werden kann, bis sie den Absprung ins nichterlernbare Gelingen wagt. Darum erscheint in der Kunst das vermenschlichte Numinose: der schöpferische Künstler setzte Dinge ins Werk, die das positiv Gelernte übersteigen. Somit hat der Künstler an einer zweifachen Werkmächtigkeit Anteil, der Doppelnatur des artistischen Könnens gemäß. Als Meister seines Fachs beherrscht er das Wiederholbare; als Genie setzt er einen Fuß ins Niedagewesene. Meisterschaft ohne Genie ist hohes Können; Genie ohne Metier ist erneuernde Intensität. Kommt beides zusammen, so können Menschenleben entstehen, an denen sich die humanistische Gattungsanbetung orientiert. Dem artistischen Können wohnen in
beiden Aspekten epiphanische Qualitäten inne: durch es offenbaren sich die menschlichen Wesenskräfte dem Menschen selbst. In der Kunst kann der Mensch dem Menschen erscheinen. Das Kunstwerk, das den Meister lobt, predigt die Werkmächtigkeit seines Autors, es affi rmiert die Möglichkeit von Autorschaft überhaupt. Der Zauber der Wirkungen gibt einen Begriff von der Höhe der Ursache. Wo in den Werken Welten neben der Welt entstehen, lassen sich deren Urheber als Götter neben Gott erschließen. Der epiphanische Zug neuzeitlicher Werkmächtigkeit verlangt die Verschränkung von Herstellung und Ausstellung. Ohne Enthül-


PROF. DR. PETER SLOTERDIJK
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