Saturday, 13 March 2010 05:02 am Empty Rooms | Ausstellung des Fachbereichs Medienkunst 2005
Raum – definiert, programmatisch, irritiert
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Raum und Zeit sind heute vielfach zergliedert. Ihre Ausdehnung ist Punkt für Punkt identifizierbar.
Raum und Zeit sind heute vielfach zergliedert. Ihre Ausdehnung ist Punkt für Punkt identifi zierbar. Was existiert, kann in Momente isoliert werden. Nummern bezeichnen die Momente als je unverwechselbare – zumindest numerisch. Die Ausdehnung von Raum und Zeit fällt zusammen mit der Ausdehnung des Zahlenstrahls und den Auswahlregeln, welche die einzelnen Punkte identifi zieren. Identifi kation erfolgt durch Zählen. Die Bestimmung der Zahl erfordert die Unterschiedenheit von anderen Zahlen. Aus dem Alphabet der Ziffern wird so eine Sprache von Eigennamen. Das Reich der Ziffern und Eigennamen hat das Gebiet von Raum und Zeit auf eine besondere Weise erobert. Deren Physik und stoffl iches Dasein, Intensität also, sind verformt, umgewertet, zurückgedrängt worden. Sie gelten vorrangig als soziale Funktionen, stellen Steuerungsgrößen nach Vereinbarung dar. In gleicher Weise verschwindet das ehedem rohe, greifbare Physische aus dem Kern der europäischen Städte. Wesentliche Strömungen der gegenwärtigen Architektur verwandeln Bauten in Bilder, Architektur in Bildschirm, Baumasse in Spiegel, Außenraum in Zuschauerraum und, ohnehin, alles irgendwie Greifbare in formulierte Zeichen, also in rituelles Material einer Gesellschaft des Spektakels. Im städtischen Feld reduzieren sich die Handlungen: Banken, Versicherungen, Büros, Telematisierung, Fußgängerzone, Hohlräume. Videospiele auf dem Bildschirm als Stadtspiele auf den Fassaden. Die Entstoffl ichung des Wirklichen kommt heute zu einem Abschluß. Hightech dominiert, ist aber bloß: Disneyworld für Computerfreaks. Die Ablösung von Raum und Zeit von sozialer Intensität und Erfahrung ist der Beginn dieser Entwicklung. Die Mathematisierung des städtischen Raums entspricht derjenigen der Sinne, der bestimmenden Organisationsformen von Wahrnehmung. Die Gründung des Menschen im sicheren Fundament eines inneren Wissens cartesianischen Rituals hat die gleichförmige Ausrichtung der Zeit als Vektor und des Raums als Gitter gefördert. Die Mathematisierung der Lebenswelt läuft als bewegendes Denkmodell auf ein Auswegloses in der Form einer Gleichförmigkeit des Wissens hinaus. Die Ästhetik des Digitalen ist dafür nur ein letztes Beispiel. Sie belegt den Wunsch, den Erinnerungszwang abwehren, die bisherige „condition humaine“ überwinden zu können. Und dies präventiv: vor allem Erinnern.

Auf den Fassaden der Dienstleistungsgesellschaft spielt sich das Leben als Performance ab. Räumliche Zonen werden nur noch durch die Reichweite und Frequenzen von Radiowellen gebildet. Hörräume reichen nicht mehr zum Überleben, nicht einmal für das Funktionieren der gesellschaftlichen Maschinerie, aber sie sind dennoch das Tiefste am gegenwärtigen Leben, nicht mehr das Bild. Das simulative Landscape der Spiegelfassadentürme bedarf gerade deshalb der sekundär nährenden, stützenden wie abgeleiteten Bilder: eben der Townscapes. High Tech, Townscape, Disneyland, Utopie: sie feiern entweder das Theater der Erinnerung oder die Ekstase der Imagination. Diese aber belegt das Scheitern aller Konzepte, nochmals oder ‚auf immer‘ ein modernes Raum-Zeit- Gefühl zu erzeugen. Der Raum der modernen Stadt ist zerfallen durch eine Zeitmaschine, welche jede Paradieserwartung in apokalyptische Düsterkeit umschlagen läßt. Was immer schon währt,
hat nie begonnen und kann deshalb gar nie Tradition werden. Was verbindet Raum mit Zeit in der heutigen Stadt, wenn sie nicht zumindest ein Surrogat der Geschichte auszubilden vermögen, da sie schon nicht diese selbst sein können? Drei Verbindungen zwischen Hightech und Townscapes sind möglich: Highways, Museen, Stadtguerilla. Damit sind nicht Orte gemeint, sondern Modelle. Sie verbinden sich nicht selten zu einem ziemlich verwirrten Durcheinander. Im Plan der Ordnung wie im Durcheinander der Unordnung ist der Mythos der Moderne erstarrt und längst untergegangen.

Das Scheitern der Erneuerungs- und Erlösungskonzepte, welche die Moderne einzuholen versprochen hat, ist unhintergehbar. Der Grund des Scheiterns liegt vor allen Maschinen in einer konzeptuellen, theoretisch angeleiteten Technisierung der Zeit, der Mathematisierung des Raumes. Die Gliederung des Raumes durch die Totalität diskreter, bezifferter Punkte formuliert den Endzustand einer geschichtsmächtigen und doch gänzlich anti-historistischen Abstraktion. Ihre Macht ist nicht allein durch eine Vorherrschaft des Visuellen über die anderen leiblichen Sinne gekennzeichnet. Entsprechend ist in den letzten 20 Jahren der Kampf um Kontrolle oder Entzug der Kontrolle zu einem Feld mythischer Kon- fl ikte geworden: Performance gegen Stadt-Guerilla, High-Tech gegen Townscape, Computer gegen Automobil. Die Geschichte der Durchsetzung dieser Abstraktion ist ein Kapitel der allgemeineren Mythologie der Maschine. Die leere Gleichförmigkeit des kontinuierlich gegliederten Raum-Zeit-Gitters – Ausdruck wie Konzept eines „empty room“ – ist deshalb derjenige letzte Triumph der Mechanik, als den diese sichtbar geworden ist.


HANS ULRICH RECK
ist Philosoph, Kunstwissenschafter, Publizist, Ausstellungsmacher und Professor für Kunstgeschichte im medialen Kontext an der Kunsthochschule für Medien Köln.
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