Raum und Zeit sind heute vielfach zergliedert. Ihre Ausdehnung
ist Punkt für Punkt identifi zierbar. Was existiert, kann in Momente
isoliert werden. Nummern bezeichnen die Momente als je unverwechselbare
– zumindest numerisch. Die Ausdehnung von Raum
und Zeit fällt zusammen mit der Ausdehnung des Zahlenstrahls
und den Auswahlregeln, welche die einzelnen Punkte identifi zieren.
Identifi kation erfolgt durch Zählen. Die Bestimmung der
Zahl erfordert die Unterschiedenheit von anderen Zahlen. Aus
dem Alphabet der Ziffern wird so eine Sprache von Eigennamen.
Das Reich der Ziffern und Eigennamen hat das Gebiet von Raum
und Zeit auf eine besondere Weise erobert. Deren Physik und
stoffl iches Dasein, Intensität also, sind verformt, umgewertet,
zurückgedrängt worden. Sie gelten vorrangig als soziale Funktionen,
stellen Steuerungsgrößen nach Vereinbarung dar. In gleicher
Weise verschwindet das ehedem rohe, greifbare Physische
aus dem Kern der europäischen Städte. Wesentliche Strömungen
der gegenwärtigen Architektur verwandeln Bauten in Bilder,
Architektur in Bildschirm, Baumasse in Spiegel, Außenraum in
Zuschauerraum und, ohnehin, alles irgendwie Greifbare in formulierte
Zeichen, also in rituelles Material einer Gesellschaft des
Spektakels. Im städtischen Feld reduzieren sich die Handlungen:
Banken, Versicherungen, Büros, Telematisierung, Fußgängerzone,
Hohlräume. Videospiele auf dem Bildschirm als Stadtspiele auf
den Fassaden. Die Entstoffl ichung des Wirklichen kommt heute
zu einem Abschluß. Hightech dominiert, ist aber bloß: Disneyworld
für Computerfreaks. Die Ablösung von Raum und Zeit von
sozialer Intensität und Erfahrung ist der Beginn dieser Entwicklung.
Die Mathematisierung des städtischen Raums entspricht
derjenigen der Sinne, der bestimmenden Organisationsformen
von Wahrnehmung. Die Gründung des Menschen im sicheren
Fundament eines inneren Wissens cartesianischen Rituals hat die
gleichförmige Ausrichtung der Zeit als Vektor und des Raums als
Gitter gefördert. Die Mathematisierung der Lebenswelt läuft als
bewegendes Denkmodell auf ein Auswegloses in der Form einer
Gleichförmigkeit des Wissens hinaus. Die Ästhetik des Digitalen
ist dafür nur ein letztes Beispiel. Sie belegt den Wunsch, den
Erinnerungszwang abwehren, die bisherige „condition humaine“
überwinden zu können. Und dies präventiv: vor allem Erinnern.
Auf den Fassaden der Dienstleistungsgesellschaft spielt sich das
Leben als Performance ab. Räumliche Zonen werden nur noch
durch die Reichweite und Frequenzen von Radiowellen gebildet.
Hörräume reichen nicht mehr zum Überleben, nicht einmal für
das Funktionieren der gesellschaftlichen Maschinerie, aber sie
sind dennoch das Tiefste am gegenwärtigen Leben, nicht mehr das
Bild. Das simulative Landscape der Spiegelfassadentürme bedarf
gerade deshalb der sekundär nährenden, stützenden wie abgeleiteten
Bilder: eben der Townscapes. High Tech, Townscape, Disneyland,
Utopie: sie feiern entweder das Theater der Erinnerung oder
die Ekstase der Imagination. Diese aber belegt das Scheitern aller
Konzepte, nochmals oder ‚auf immer‘ ein modernes Raum-Zeit-
Gefühl zu erzeugen. Der Raum der modernen Stadt ist zerfallen
durch eine Zeitmaschine, welche jede Paradieserwartung in apokalyptische
Düsterkeit umschlagen läßt. Was immer schon währt,
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hat nie begonnen und kann deshalb gar nie Tradition werden. Was
verbindet Raum mit Zeit in der heutigen Stadt, wenn sie nicht
zumindest ein Surrogat der Geschichte auszubilden vermögen,
da sie schon nicht diese selbst sein können? Drei Verbindungen
zwischen Hightech und Townscapes sind möglich: Highways,
Museen, Stadtguerilla. Damit sind nicht Orte gemeint, sondern
Modelle. Sie verbinden sich nicht selten zu einem ziemlich verwirrten
Durcheinander. Im Plan der Ordnung wie im Durcheinander
der Unordnung ist der Mythos der Moderne erstarrt und
längst untergegangen.
Das Scheitern der Erneuerungs- und Erlösungskonzepte, welche
die Moderne einzuholen versprochen hat, ist unhintergehbar. Der
Grund des Scheiterns liegt vor allen Maschinen in einer konzeptuellen,
theoretisch angeleiteten Technisierung der Zeit, der Mathematisierung
des Raumes. Die Gliederung des Raumes durch die
Totalität diskreter, bezifferter Punkte formuliert den Endzustand
einer geschichtsmächtigen und doch gänzlich anti-historistischen
Abstraktion. Ihre Macht ist nicht allein durch eine Vorherrschaft
des Visuellen über die anderen leiblichen Sinne gekennzeichnet.
Entsprechend ist in den letzten 20 Jahren der Kampf um Kontrolle
oder Entzug der Kontrolle zu einem Feld mythischer Kon-
fl ikte geworden: Performance gegen Stadt-Guerilla, High-Tech
gegen Townscape, Computer gegen Automobil. Die Geschichte
der Durchsetzung dieser Abstraktion ist ein Kapitel der allgemeineren
Mythologie der Maschine. Die leere Gleichförmigkeit des
kontinuierlich gegliederten Raum-Zeit-Gitters – Ausdruck wie
Konzept eines „empty room“ – ist deshalb derjenige letzte Triumph
der Mechanik, als den diese sichtbar geworden ist.
HANS ULRICH RECK
ist Philosoph, Kunstwissenschafter, Publizist, Ausstellungsmacher und Professor für Kunstgeschichte im medialen
Kontext an der Kunsthochschule für Medien Köln.
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