Sunday, 14 March 2010 12:55 am Empty Rooms | Ausstellung des Fachbereichs Medienkunst 2005
Raum-Schachteln
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Einer der grundlegenden stereometrischen und architektonischen Räume ist der Quader.
Einer der grundlegenden stereometrischen und architektonischen Räume ist der Quader, die Reduktionsformel dazu will ich Schachtel nennen. Dieser Raum – mathematisch konstruiert – ist die Basis der meisten von Menschen gebildeten Räume. Aber andere Räume, mit denen wir uns umgeben, sind von ebenso großer Immanenz. Es sind solche, die wir mehr oder weniger abstrakt benennen müssen, weil sie vermeintlich schwieriger zu fassen sind als der gebaute Raum: Zeiträume, Lebensräume, Kunsträume, etc.

Gänzlich anders als das Nachvollziehen der mathematisch-archi- architektonischen Raumschaffung ist deshalb die Darstellung und die tektonischen Bildung von Räumen, die die mathematisch-geometrische Ebene verlassen. Ein besonders intensives Beispiel einer solchen Raum- Raumdefi nition, die einem Schachtelsystem entspricht, ist auch bei defi Kafka zu entdecken. Um den Raum als Schachtelsystem zu erläu- erläutern soll Kafkas „Das Schloss“ immer wieder Erwähnung fi nden tern und als roter Faden zur Orientierung dienen.

Eine wichtige Frage auf die ich eingehen will, ist die nach der Verbindung zwischen den in sich geschlossenen Raumschachteln. Wo ist der Weg durch diese Systeme, der einen zu dem führt, was man als alles erklärende Tatsache anerkennt? Und womit wird dieser Raum gefüllt, um die Aura des Unerreichbaren zumindest als Fragment zu ersetzen und stellvertretend (vielleicht auch x- xbeliebig austauschbar) zu installieren?

Ausgehend von Kafkas „Das Schloss“ dominiert sein Aphoris- Aphorismus „ein Ziel aber keinen Weg zu haben“. Das Schloss liefert ein unspezifi sches und deshalb zugleich genaues Beispiel für eine solche Betrachtungsweise des Raumes. Ungenau und doch exakt ist dabei eine Dialektik, mit der beschrieben wird, dass das Anwesende immer das Abwesende impliziert und umgekehrt. Die Räume oder Plätze, in denen Kafkas Figuren agieren, sind dabei trotz aller Genauigkeit an ihren Erscheinungsrändern undefi niert. Kafka zeigt Grenzen von Räumen auf, um sie gleichfalls verschwinden zu lassen. In einer Art Modulverfahren schichtet er einzelne Lebens-Räume aneinander. Sie gehen manchmal ineinander über, ohne ihre Grenzen verschwimmen zu lassen. Auf der Suche nach der Grenze des Raumes an sich und vor allem auf der Suche nach dem Weg zum Ziel (auf dem Weg um in das Schloss zu kommen) bleibt der Mensch (K.) jedoch immer im nebulös Ungewissen. Was man mit dem Protagonisten fi xiert und fokussiert erscheint glasklar, aber alles, was an diesen einen Brennpunkt angrenzt, verschwimmt, bleibt eine Farce. Wendet man sein Auge ab, so erkennt man im Raum, der defi niert ohne sich selbst zu defi nieren, eine neue Schärfe, während das, was zuvor als scharf wahrgenommen wurde, verschwimmt. Alle Fragmente, die einzelne Räume sind, bilden eine Schachtel und sind als solche auch zu erkennen. In ihrer vermeintlichen Öffnung zu ihren Grenzen hin steckt nichts Verlässliches, die Präsenz des einen Raumes deutet auf den anderen hin, jedoch gibt es keinen sicheren Übergang zum nächsten, geschweige denn zum Ziel.
Jeder Raum bewegt sich fern eines rationalistischen oder mathe
-matischen Feldes. Es existiert vielmehr ein System aus Schachteln, in dem Dasein stattfi nden kann, das vielleicht über Dasein defi - niert wird.
Die Unvereinbarkeit des Zieles, das als Evidenz erkannt wird und dessen Weg nicht möglich ist – es fi nden keine verlässlich nutzbaren Verbindungen zwischen den einzelnen Raumsituationen statt – ist das Fundament dieser Auseinandersetzung. Tragisch und wunderschön zugleich ist bei Kafka die Anziehungskraft des nicht Erreichbaren. Das Wissen um ein Ziel, das nicht erreichbar ist, das aber dennoch omnipräsent ist als Teil einer Begierde, die stillbar ist, wenn Vertreter des nicht Erreichbaren angesammelt werden, ist ein produktives Phänomen. Räume können gefüllt werden mit alldem, was anwesend sein kann und das Abwesende andeutet. Das somit Verbleibende in der entsprechenden Schachtel des Raumsystems, die unbewusst auch verlassen werden kann, bildet den Raum für eine selbst defi nierte Ausgestaltung: wie auf einer kleinen Theaterbühne oder wie in dem Kapitel eines lyrischen Werkes – oder eben wie in einem Kunstraum eine Installation, ein Werk. Damit deutet sich also etwas an, das ohne weiteres auf Lyrik allgemein bis hin zu Kompositionen musikalischer Art oder zum Film, dessen Stärke im Drehbuch liegt, übertragen werden kann.
Je mehr K. um sein Ziel kämpft ins Schloss zu gelangen, umso sicherer wird er sich seiner Existenz und umso sicherer wird auch, dass es keinen Weg dorthin geben wird. Das macht das besondere poetische Potential dieses Systems aus und erweckt den Eindruck scheinbarer Vollkommenheit durch seine fragmentarische Struk- Struktur, das Durcheinander der Raumsysteme, der Weg, der immer tur, unvollendet bleibt im Sinne des Erreichens des eigentlichen Zie- Zieles, die Anwesenheit, die immer Abwesenheit impliziert und fast les, ein Ursprung moderner Poesie zu sein scheint. Das stetige Leugnen der Wahrheit, dass man (K.) ein Ziel (das Schloss) wahrnehmen kann und es erkennen kann (jedoch als einen unerreichbaren Raum), schafft neuen Freiraum zur Gestal- Gestaltung des vorhandenen Raumes.
Das, was man als evident weiß und nachbildet, ist das Fragment jener Ganzheit.
Vielleicht wird heute auch der Raum der Kunst mit Unvollendetem, Fragmentarischem beseelt, das alldem viel näher scheint, weil auch unser Raumgebilde ein solches Unvollendetes ist. Alles Fragment, das in dieser Raumschachtel entsteht und steht, ist zugleich Negation und Zeichen: Negation, weil wir darin erst das Abwesende erkennen und Zeichen, weil es eben dies widerspiegelt. Grandioses Zeichen im Bestfall.


KATHARINA NEUBURGER
studiert Kunstwissenschaft und Medientheorie an der HfG Karlsruhe.
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