Einer der grundlegenden stereometrischen und architektonischen
Räume ist der Quader, die Reduktionsformel dazu will
ich Schachtel nennen. Dieser Raum – mathematisch konstruiert
– ist die Basis der meisten von Menschen gebildeten Räume. Aber
andere Räume, mit denen wir uns umgeben, sind von ebenso großer
Immanenz. Es sind solche, die wir mehr oder weniger abstrakt
benennen müssen, weil sie vermeintlich schwieriger zu fassen sind
als der gebaute Raum: Zeiträume, Lebensräume, Kunsträume,
etc.
Gänzlich anders als das Nachvollziehen der mathematisch-archi- architektonischen
Raumschaffung ist deshalb die Darstellung und die
tektonischen Bildung von Räumen, die die mathematisch-geometrische Ebene
verlassen. Ein besonders intensives Beispiel einer solchen Raum- Raumdefi
nition, die einem Schachtelsystem entspricht, ist auch bei
defi Kafka zu entdecken. Um den Raum als Schachtelsystem zu erläu- erläutern
soll Kafkas „Das Schloss“ immer wieder Erwähnung fi nden
tern und als roter Faden zur Orientierung dienen.
Eine wichtige Frage auf die ich eingehen will, ist die nach der
Verbindung zwischen den in sich geschlossenen Raumschachteln.
Wo ist der Weg durch diese Systeme, der einen zu dem führt,
was man als alles erklärende Tatsache anerkennt? Und womit wird
dieser Raum gefüllt, um die Aura des Unerreichbaren zumindest
als Fragment zu ersetzen und stellvertretend (vielleicht auch x- xbeliebig
austauschbar) zu installieren?
Ausgehend von Kafkas „Das Schloss“ dominiert sein Aphoris- Aphorismus
„ein Ziel aber keinen Weg zu haben“. Das Schloss liefert ein
unspezifi sches und deshalb zugleich genaues Beispiel für eine solche
Betrachtungsweise des Raumes.
Ungenau und doch exakt ist dabei eine Dialektik, mit der beschrieben
wird, dass das Anwesende immer das Abwesende impliziert
und umgekehrt. Die Räume oder Plätze, in denen Kafkas Figuren
agieren, sind dabei trotz aller Genauigkeit an ihren Erscheinungsrändern
undefi niert. Kafka zeigt Grenzen von Räumen auf, um
sie gleichfalls verschwinden zu lassen. In einer Art Modulverfahren
schichtet er einzelne Lebens-Räume aneinander. Sie gehen
manchmal ineinander über, ohne ihre Grenzen verschwimmen zu
lassen. Auf der Suche nach der Grenze des Raumes an sich und vor
allem auf der Suche nach dem Weg zum Ziel (auf dem Weg um
in das Schloss zu kommen) bleibt der Mensch (K.) jedoch immer
im nebulös Ungewissen. Was man mit dem Protagonisten fi xiert
und fokussiert erscheint glasklar, aber alles, was an diesen einen
Brennpunkt angrenzt, verschwimmt, bleibt eine Farce.
Wendet man sein Auge ab, so erkennt man im Raum, der defi niert
ohne sich selbst zu defi nieren, eine neue Schärfe, während das,
was zuvor als scharf wahrgenommen wurde, verschwimmt.
Alle Fragmente, die einzelne Räume sind, bilden eine Schachtel
und sind als solche auch zu erkennen. In ihrer vermeintlichen
Öffnung zu ihren Grenzen hin steckt nichts Verlässliches, die Präsenz
des einen Raumes deutet auf den anderen hin, jedoch gibt es
keinen sicheren Übergang zum nächsten, geschweige denn zum
Ziel.
Jeder Raum bewegt sich fern eines rationalistischen oder mathe
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-matischen
Feldes. Es existiert vielmehr ein System aus Schachteln,
in dem Dasein stattfi nden kann, das vielleicht über Dasein defi -
niert wird.
Die Unvereinbarkeit des Zieles, das als Evidenz erkannt wird und
dessen Weg nicht möglich ist – es fi nden keine verlässlich nutzbaren
Verbindungen zwischen den einzelnen Raumsituationen statt
– ist das Fundament dieser Auseinandersetzung.
Tragisch und wunderschön zugleich ist bei Kafka die Anziehungskraft
des nicht Erreichbaren.
Das Wissen um ein Ziel, das nicht erreichbar ist, das aber dennoch
omnipräsent ist als Teil einer Begierde, die stillbar ist, wenn
Vertreter des nicht Erreichbaren angesammelt werden, ist ein produktives
Phänomen. Räume können gefüllt werden mit alldem,
was anwesend sein kann und das Abwesende andeutet.
Das somit Verbleibende in der entsprechenden Schachtel des
Raumsystems, die unbewusst auch verlassen werden kann, bildet
den Raum für eine selbst defi nierte Ausgestaltung: wie auf einer
kleinen Theaterbühne oder wie in dem Kapitel eines lyrischen
Werkes – oder eben wie in einem Kunstraum eine Installation,
ein Werk. Damit deutet sich also etwas an, das ohne weiteres auf
Lyrik allgemein bis hin zu Kompositionen musikalischer Art oder
zum Film, dessen Stärke im Drehbuch liegt, übertragen werden
kann.
Je mehr K. um sein Ziel kämpft ins Schloss zu gelangen, umso
sicherer wird er sich seiner Existenz und umso sicherer wird auch,
dass es keinen Weg dorthin geben wird. Das macht das besondere
poetische Potential dieses Systems aus und erweckt den Eindruck
scheinbarer Vollkommenheit durch seine fragmentarische Struk- Struktur,
das Durcheinander der Raumsysteme, der Weg, der immer
tur, unvollendet bleibt im Sinne des Erreichens des eigentlichen Zie- Zieles,
die Anwesenheit, die immer Abwesenheit impliziert und fast
les, ein Ursprung moderner Poesie zu sein scheint.
Das stetige Leugnen der Wahrheit, dass man (K.) ein Ziel (das
Schloss) wahrnehmen kann und es erkennen kann (jedoch als
einen unerreichbaren Raum), schafft neuen Freiraum zur Gestal- Gestaltung
des vorhandenen Raumes.
Das, was man als evident weiß und nachbildet, ist das Fragment
jener Ganzheit.
Vielleicht wird heute auch der Raum der Kunst mit Unvollendetem,
Fragmentarischem beseelt, das alldem viel näher scheint,
weil auch unser Raumgebilde ein solches Unvollendetes ist.
Alles Fragment, das in dieser Raumschachtel entsteht und steht,
ist zugleich Negation und Zeichen: Negation, weil wir darin erst
das Abwesende erkennen und Zeichen, weil es eben dies widerspiegelt.
Grandioses Zeichen im Bestfall.
KATHARINA NEUBURGER
studiert Kunstwissenschaft und Medientheorie
an der HfG Karlsruhe.
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