Sunday, 14 March 2010 12:56 am Empty Rooms | Ausstellung des Fachbereichs Medienkunst 2005
Please don’t leave me
send this article to a friendprint this article
Gibt es leere Räume? Kann „Leere“ überhaupt Eigenschaft eines Raumes sein? Streng empirisch gesehen, ist auch ein vollständig „leerer“ Raum angefüllt mit allem Möglichen – zumindest Luft, Staub, Bakterien, Kleinstlebewesen, meist doch auch Steckdosen, Heizkörpern, Fensterbänken, die Liste sich nahezu beliebig verlängern.
Was wir meinen, wenn wir von leeren Räumen sprechen ist, so könnte man sagen, weniger eine Eigenschaft, die den Räumen zukommt, sondern etwas, das wir an und in Räumen erfahren. Räume sind nicht an sich leer, sondern Leere zeigt sich an ihnen für uns. Leere beschreibt so gesehen eine Relation zwischen einem beobachtenden Bewusstsein und einem Raum. Doch Leere ist immer eine doppelte Beziehung – ein Raum ist nicht nur leer für jemanden, er ist ebenso leer von etwas. Ein Galerieraum, der berühmte white cube, ist traditionell eher spärlich gefüllt – auch wenn Gemälde oder Fotografien an den Wänden hängen, so ist er doch im Vergleich mit einer Küche, einem Büro oder gar einem Kinderzimmer nicht nur recht aufgeräumt, sondern tatsächlich weitestgehend leer.

Er erscheint aber doch eben deswegen nicht als leer, weil nichts fehlt, was seiner Bestimmung nach dort sein sollte. Er ist nicht leer, weil alles da ist, was wir dort erwarten. Leere zeigt sich vor dem Hintergrund unserer Erwartungen, Vorstellungen und Erinnerungen, Leere ist die Abwesenheit dessen, was eigentlich da sein sollte. Kaum ein Raum erscheint uns je so leer wie eine ausgeräumte Wohnung, die wir verlassen werden. Alle unsere Möbel im Umzugswagen verstaut, drängt sich uns die Leere als Fehlen all dessen auf, was in unserer Erinnerung diese Zimmer bestimmte, ihren spezifischen Charakter ausmachte. Leere ist hier Effekt des Verschwindens dessen, was da war, sie ist das, was bleibt, wenn alles andere fort ist, die Beständigkeit der Erinnerung angesichts der materiellen Abwesenheit.

Gedächtnis und Erinnerung sind von jeher aufs Engste mit dem Raum verknüpft. Das seit der Antike bekannte Prinzip der Mnemotechnik, der Gedächtniskunst als Hilfsmittel der Rhetorik, besteht in der mentalen Verräumlichung des zu Erinnernden – der Redner schreitet im Geiste einen Weg ab, in dem er den Gang der Argumentation visualisiert. Am Ursprung dieser rhetorischen Mnemotechnik, so will es die Legende, steht der Wunsch nach Identifizierung der Toten. Nachdem das Haus seines betrügerischen Auftraggebers von den Göttern zum Einsturz gebracht wurde, bittet man den Dichter Simonides, der das Haus kurz zuvor verlassen hatte, die entstellten Leichen zu identifizieren. In seiner Erinnerung schreitet Simonides die Räume erneut ab, und gelangt über die mentale Rekonstruktion der Architektur zur Vergegenwärtigung der Personen, ihrer Gesichter und Namen – vom Gehen zum Sehen zum Sprechen. Das Gedächtnis dient hier dem Dichter nicht als neutrales Werkzeug seiner öffentlichen Redekunst, sondern erlaubt einen durchaus schmerzvollen Weg der innerlichen Verlebendigung der Vergangenheit, des gerade Erlebten und Gesehen. Eine Beschwörung der Geister der Vergangenheit, die einen Raum heimsuchen, der nur noch in der Erinnerung existiert. Erst in der Folge wird so dann auch das öffentliche Gedenken an die Toten möglich. Der Raum, auch und gerade der nur noch dem Gedächtnis zugängliche, ermöglicht das Erinnern, weil in ihm die Abwesenheit des Gewesenen spürbar wird. Raum ist immer der Raum sichtbarer und unsichtbarer Spuren der Vergangenheit. Auch als vermeintlich leerer Raum ist er nie spuren-los, umgekehrt lässt gerade die Leere die Präsenz des Gewesenen erfahrbar werden.
Spuren selbst stellen sich als Leere dar, wie Georges Didi-Huberman in seiner Studie über den Abdruck am Beispiel der Fußspuren ausführt: „Ihre Macht, ihr Zauber rühren gerade von der Fähigkeit her, den Gedanken an eine Verbindung, einen Abdruck hervorzurufen, obwohl sie doch selbst nur einen leeren Raum, eine Entfernung, die Spur einer Abwesenheit darstellen.“

In diesem Sinne sind leere Räume in den vergangenen rund 40 Jahren immer wieder auch zum Thema der Kunst geworden. Eine der schönsten, wenn auch nicht unbedingt der bekanntesten Arbeiten in diesem Zusammenhang stammt von Bas Jan Ader aus dem Jahr 1969. Nur ein einfacher Satz steht in großen schwarzen Buchstaben an der Wand eines ansonsten fast leeren Raumes: Please Don’t Leave Me. Die Installation ist in zwei unterschiedlichen Fassungen photogra¬phisch wiedergege¬ben – als Paar verdoppeln sie gleichsam die Leere des Raums, und sie bieten je unterschiedli¬che Deutungen des an die Wand geschriebenen Satzes. Leere ist hier weniger Effekt dessen, was fehlt, als dessen, was da ist – die sparsamen Requisiten einer Inszenierung der Abwesenheit. Wir sehen die Schrift einmal beleuchtet von einem Knäuel von Kabeln und Glühbirnen, so dass sie wie von innen her glüht, und das andere Mal von einem Scheinwerfer angestrahlt, wie auf einer Bühne inszeniert. Diese doppelte Erscheinung der Schrift an der Wand verändert nicht nur den Charakter des Raumes, vom Intimen zum Öffentlichen, ja vielleicht sogar vom Atelier zur Bühne, sie legt auch unterschiedliche Betonungen und mithin Lesarten des Satzes nah: öffentlich – privat, zugänglich – verschlossen, un¬persönlich - intim, fordernd – flehend, schreiend – flüsternd. So oder so jedoch geht der Sprechakt ins Leere – beim Betrachten der Photographie berührt uns diese Klage des Verlassenen, als ihre Adressaten jedoch können wir uns kaum sehen. Zeitlich und räumlich distanziert, sehen wir ein doppeltes Bild der Leere.
Die Schrift an der Wand ist die Spur dessen, der hier war – ebenso wie die Photographien Spuren eines Raumes sind, den es so nicht mehr gibt. Als leer präsentiert sich uns dieser Raum nicht nur, weil der Schreibende fort ist – auch der Adressat seiner Mitteilung ist verschwunden. Leere artikuliert sich hier als die bleibende Präsenz einer Botschaft, die unverständlich geworden ist, die nur noch Spur eines Verlassensseins ohne identifizierbares Objekt ist. Insofern kein Raum je nur gegenwärtig ist, sondern immer ein Ort sich überlagernder Erinnerungen, Schichten von Vergangenheit, aufbewahrter Spuren, ist kein Raum in einem absoluten Sinne leer – weil jede „Leere“ auf vergangene Fülle verweist. Leere verstanden aber eben als die sich aufdrängende Gegenwart des Vergangenen sucht jeden Raum heim.

Es gibt keine leeren Räume. Ohne Leere gibt es keinen Raum.
ROLAND MEYER
Empty Rooms