Saturday, 13 March 2010 05:06 am Empty Rooms | Ausstellung des Fachbereichs Medienkunst 2005
Schichtung und Stanzung
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Macht. Eine Neuformulierung des Themas Macht erreichte Michel Foucault durch die Verlagerung des Blickwinkels auf die Mikroebene der Gesellschaft, die eine Analyse der Machtstrukturen auf der Makroebene, also der Staatsapparate, Institutionen und Organisationen nicht als unzutreffend verwirft, sondern als unzureichend zu überwinden gedenkt.1 Foucaults „Analytik der Macht“ trägt der Beobachtung Rechnung, daß Macht keine nur in Staatsapparaten ausgeübte Energie ist, sondern auf allen Ebenen gesellschaftlicher Realität, in jeder menschlichen Beziehung, statt- fi ndet: „Zwischen jedem Punkt eines gesellschaftlichen Körpers, zwischen einem Mann und einer Frau, in einer Familie, zwischen einem Lehrer und seinem Schüler, zwischen dem[,] der weiß[,] und dem[,] der nicht weiß [,] verlaufen Machtbeziehungen, die nicht die schlichte und einfache Projektion der großen souveränen Macht auf die Individuen sind; sie sind eher der bewegliche und konkrete Boden, in dem die Macht sich verankert hat, die Bedingungen der Möglichkeit, damit sie funktionieren kann.
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Damit der Staat funktioniert, wie er funktioniert, muß es vom Mann zur Frau oder vom Erwachsenen zum Kind sehr spezifi sche Herrschaftsverhältnisse geben, die ihre eigene Konfi guration und ihre relative Autonomie haben.“2
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Gegenwehr. Eben weil die Macht keineswegs absolut ist, wie Michel Foucault nicht müde wird zu erklären, ergeben sich für die Individuen vielfältige Reaktionsmöglichkeiten, Widerstände, denen er auf der Spur ist. Gerade weil Macht nicht als ein schicksalhaftes Walten, eine den Einzelnen überwältigende Substanz, sondern als ein Verhältnis, eine Beziehung gedacht wird, an deren Ausprägung jeder beteiligt ist, gibt es „ein ganzes Feld von möglichen Antworten, Reaktionen, Wirkungen, Eröffnungen.“3 Immer wieder betont er, daß Machtverhältnisse den Einzelnen nicht völlig überwältigen, sondern es immer die eine oder andere Form der Gegenwehr, des Widerstandes gibt: „Wir stecken nie völlig in der Falle der Macht: unter bestimmten Bedingungen und mit einer präzisen Strategie kann man immer ihren Zugriff abwenden.“4 Und an anderer Stelle: „Der kennzeichnende Zug von Macht ist, daß einige Menschen mehr oder weniger umfassend die Führung anderer Menschen bestimmen können – nie aber erschöpfend oder zwingend.
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Es gibt keine Macht ohne potentielle Verweigerung oder Aufruhr.“5 [...] Lagerungsbeziehungen. Machtverhältnisse sind der Ort, von dem aus Widerstand erst denkbar und möglich wird. Sie sind koexistent, da es „den einen Ort der Großen Weigerung“ nicht gibt.6 Wo schon der Rekurs auf die „Gesamtgesellschaft“ obsolet geworden ist, kann es auch keine zentral gesteuerte, universelle Revolution mehr geben.7 Wir befi nden uns in der Epoche des Raumes und Simultanen: „Heute setzt sich die Lagerung an die Stelle der Ausdehnung, die die Ortschaften ersetzt haben. Die Lagerung oder Platzierung wird durch die Nachbarschaftsbeziehungen zwischen Punkten oder Elementen defi niert; formal kann man sie als Reihe, Bäume, Gitter beschreiben. Anderseits kennt man die Bedeutsamkeit der Probleme der Lagerung in der zeitgenössischen Technik: Speicherung der Information oder der Rechnungsteilresultate im Gedächtnis einer Maschine [...]. Beim Problem der Menschenunterbringung
Menschenunterbringung geht es nicht bloß um die Frage, ob es in der Welt genug Platz für den Menschen gibt – [...] es geht auch darum zu wissen, welche Nachbarschaftsbeziehungen, welche Stapelungen, welche Umläufe, welche Markierungen und Klassierungen für die Menschenelemente in bestimmten Lagen und zu bestimmten Zwecken gewährt werden sollen. Wir sind in einer Epoche, in der sich uns der Raum in der Form von Lagerungsbeziehungen darbietet.“8
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Entwerfung. Das Angebot des dem städtischen und gesellschaftlichen Gefüge unterworfenen Individuums versteht sich mehr und mehr als aus diesen Bezügen heraustretendes Element, dem die eigene Freiheit und Körperlichkeit nietzscheanisch als Selbster- fi ndung, weniger als Selbstverwirklichung nahe geht. Was (sich) nicht gleich bleibt, entgeht den Mechanismen der Identifi zierung und Kontrolle. Insofern sind vielgestaltige Selbstentwürfe möglich – allerdings nur für eine kleine auserwählte Schar. Diese für jeden zu ermöglichen, gepaart mit der utopischen Hoffnung, daß sich mit ihrer Hilfe Machtbeziehungen nicht zu Herrschaftsstrukturen verfestigen, macht das Potential der von Foucault der Gegenwart anempfohlenen Konzeption einer Lebenskunst aus: Denn „warum sollte nicht jeder einzelne aus seinem Leben ein Kunstwerk machen können?“9 Was aber bleibt, was kommt danach? Gerade die Befreiung eröffnet ein Feld neuer Machtverhältnisse, die von vielen dann auch so empfunden und als Zivilisation mit positiven Gefühlen konnotiert im kollektiven Bewußtsein wuchert. Foucaults Perspektive setzt auf Vielheit, auf eine Schichtung mit individueller Stanzung.

Diese Textausschnitte erschienen zuerst unter dem Titel „Widerstände. Die Heidenheimer Werke von Thomas Klegin“ in: Ausst.Kat. Bildhauersymposium Heidenheim e.V., Werk 01, Heidenheim: 41-52.

1 Vgl. hier und im folgenden zu Michel Foucault: Markus Schroer, Ethos des Widerstands, in: Rolf Eickelpasch, u.a. (Hg.), Utopie und Moderne, Frankfurt/ Main 1996: 136-169.
2 Michel Foucault, Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit, Berlin 1979: 110.
3 Michel Foucault, Das Subjekt und die Macht, in: Hubert L. Dreyfus/Paul Rabinow, Michel Foucault, Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik. Mit einem Nachwort von und einem Interview mit Michel Foucault, Frankfurt/M. 1987: 243-261, hier: 254.
4 Foucault, Dispositive der Macht, a.a.O.: 196.
5 Michel Foucault, Für eine Kritik der politischen Vernunft (1979), in: L‘ettre 1 (Sommer 1988): 58-66, hier: 66.
6 Foucault, Der Wille zum Wissen, Frankfurt/M. 1983: 117. 7 Vgl. Michel Foucault, Von der Subversion des Wissens, Frankfurt/M. 1974: 126.
8 Michel Foucault, Andere Räume (1967), in: Karlheinz Barck, u.a. (Hg.): Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, Leipzig 1990: 34-46, hier: 36-37.
9 Foucault, Von der Freundschaft: 80. Vgl. auch Schroer (wie Anm. 2).


GREGOR JANSEN
ist Leiter des Museums für Neue Kunst am ZKM Karlsruhe.
jansen@zkm.de
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