Sunday, 14 March 2010 12:55 am Empty Rooms | Ausstellung des Fachbereichs Medienkunst 2005
Methodischer Widerspruch von Konzept und Technik
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Wenn Marcel Duchamp sagt: „Ich habe mich gezwungen, mir selbst zu widersprechen, um zu vermeiden, dass ich meinem eigenen Geschmack nachfolge“, so lässt sich dies weniger auf seine Worte, sondern vor allem auf seine Werke beziehen. Aber wie widerspricht sich ein Künstler mit seinen Werken, da diese im Unterschied zu einem Wissenschaftler ohnehin nicht in einer logischen Argumentationskette aufeinander folgen müssen? Er kann dies vor allem durch einander entgegengesetzte künstlerische Methoden tun, indem er nicht eine möglichst konsequente Werkentwicklung vorzeichnet, der seine Rezipienten dann wie einem roten Faden folgen, sondern sie durch unerwartete Brüche und scheinbare Inkompatibilitäten immer neu herausfordert.

Ein solcher methodischer Widerspruch kann als Leitmotiv für eine Entwicklungslinie gelten, die von Duchamp über John Cage zu Nam June Paik, George Brecht und der Konzeptkunst führt. Den Beginn markiert Duchamps zeitgleiche Produktion von Ready-mades und dem „Großen Glas“ in der Zeit von 1913 bis circa 1923. Die mühselige, jahrelange Detailarbeit am „Großen Glas“ oder an seinen optischen Apparaten steht im völligen Gegensatz zu der spontanen, auf die bloße Auswahl eines Objekts reduzierten Entstehung der Ready-mades. Duchamp sagt dazu: „Die Ready-mades sind etwas völlig anderes als das „Große Glas“. Ich machte sie ohne Absicht, ohne jede andere Absicht, als mich von den Gedanken zu befreien.“

Es geht also um eine Befreiung vom Druck der Intentionalität bei der Entstehung von Kunst, ein Thema, auf das noch ausführlicher einzugehen sein wird. Spontaneität und Elaboriertheit schließen sich dabei aber nicht grundsätzlich aus. Das zeigt schon am Beginn dieser zehnjährigen parallelen Arbeitsmethoden das »Erratum Musical« von 1913, die einzige Musikkomposition Duchamps, der sich selbst im übrigen als unmusikalisch bezeichnete. Es gibt zwei Versionen des Stücks, eine erste bei der Noten aus einem Hut gezogen werden und eine zweite mit einem aufwändigeren Verfahren, bei dem nummerierte Kugeln durch einen Trichter in die Waggons einer Modelleisenbahn fallen. In den beiden Partituren beschreibt Duchamp eine Methode für den elaborierten Zufall, mit der er die Abfolge der Klänge bestimmt.

Die zweite, wesentlich komplexere Version von »Erratum Musical « bleibt ein halbes Jahrhundert unbekannt und wird erst posthum, anlässlich der grossen Duchamp Retrospektive in New York und Philadelphia 1973 publiziert. Es ist allerdings kein Zufall, dass sich dieses Blatt in der Sammlung von John Cage befand, der mit Duchamp und dessen Frau Teeny eng befreundet war. Ein Jahr nach Cages Geburt entstanden, nimmt »Erratum Musical« bereits wesentliche Ideen von Cage und anderen Komponisten der Neuen Musik vorweg, für die die Arbeit mit Zufallsfaktoren eine zentrale Bedeutung bei der Entwicklung eines neuen Werkbegriffs erhält. John Cage sagt dazu in einem Interview: »Ich bewunderte schon immer seine Arbeit, und als ich dann mit Zufallsoperationen beschäftigt war, wurde mir klar, dass er sich schon damit auseinandergesetzt hat, nicht nur in der Kunst, auch in der Musik,
und das fünfzig Jahre vor mir. Als ich ihn darauf hinwies, sagte Marcel: „Ich vermute, ich war meiner Zeit fünfzig Jahre voraus.“ Die Arbeit mit Zufallsfaktoren, welche in den 1950er Jahren von Luciano Berio über Henri Pousseur zu Karlheinz Stockhausen international eine bestimmende Thematik Neuer Musik ist, erhält von Cage bereits 1952 ihre radikalste Zuspitzung durch sein Stück „4‘ 33‘‘“. Dessen 4 Minuten und 33 Sekunden Stille werden sowohl in ihrer Dauer wie in ihrer Unterteilung in drei Sätze ebenfalls von einem elaborierten Zufall bestimmt, insofern Cage dazu das Münzorakel des I Ging einsetzt. Doch darüber hinaus wird auch der gesamte „Inhalt“ des Stücks, also die während seiner Dauer hörbaren Klänge, den mehr oder weniger zufälligen Gegebenheiten der Situation überlassen: what you hear is what you get – so ließe sich in pseudotechnischer Terminologie die Methode dieser Komposition beschreiben, für die David Tudor bei der Uraufführung am Klavier nur drei mal dessen Deckel öffnete und wieder schloss, ohne eine Taste anzuschlagen. Die unmittelbare Parallele in der bildenden Kunst sind Robert Rauschenbergs kurz zuvor entstandene „White Paintings“, auf die Cage ausdrücklich verweist. Sie zeigen nichts anderes als das Licht und den Schatten ihrer Umgebung und belegen damit, daß „eine Leinwand niemals leer“ ist. Ebenso gibt es keine völlige Stille, wie Cage 1951 beim Aufenthalt in einem schalltoten Raum feststellt, als er die Geräusche seines Blutkreislaufs und seines Nervensystems hört. Diese Erfahrung bildet den physiologischen Hintergrund der hörbaren Stille von „4‘ 33‘‘“ und wird von Cage immer wieder als entscheidend für sein gesamtes Werk genannt. Sie öffnet ihm den Weg für eine neue Haltung: „Ja! Ich grenze Intention nicht mehr ab von Nicht-Intention.“ Cage und Rauschenberg sind Anfang der 1950er mit Duchamp im Kontakt und beide ersetzen auf verwandte Weise die ästhetische Produktion durch eine Sensibilisierung der Rezeption. Dies lässt sich auch als Referenz an Duchamps Ready-made-Prinzip verstehen, wobei das Objekt selbst aber überfl üssig wird und sozusagen nur noch die Situation in der es sich befand übrig bleibt. Deshalb wird noch radikaler als bei Duchamp die Möglichkeit einer intentionslosen Kunst erprobt. Dabei kommt der physischen Erfahrung dieser leeren Bilder und Musik eine entscheidende Bedeutung zu. Darin sieht Cage den Unterschied zu Duchamps Ansatz und dessen Kontext: „Was in der Kunst nötig war, als Duchamp auftrat, war eine nichtphysische Weise des Sehens, und was in der Musik nötig war, als ich auftrat, war eine physische Weise des Hörens.“

Diesen künstlerischen Leerstellen stehen komplementär Arbeiten mit großer Informationsdichte und komplexer Technik gegenüber. Cages erste Tonbandkomposition „Willams Mix“, ist ebenso wie „4‘ 33‘‘“ aus dem Jahr 1952 und dauert auch etwas über vier Minuten. Doch ihre Herstellung war ungleich aufwändiger: Die grafi sche Partitur legt auf fast 500 Seiten die nach dem chinesischen I Ging-Orakel ausgewürfelten Längen und Zuschnitte von circa 600 Klängen auf Tonbandschnippseln, verteilt auf acht Spuren, fest. Zur bisher ersten und einzigen Realisierung des Stücks brauchte Cage trotz einiger Unterstützung ein ganzes Jahr minuziöser Klebe- und Schneidearbeit. In Cages Werk fi ndet sich also ein ebensolcher methodischer Widerspruch von Akzeptanz des Vorgefundenen und gleichzeitiger, mühseliger Arbeit mit technisch komplexen Produktionsmitteln wie bei Duchamp ein halbes Jahrhundert zuvor.

Aus: »Der Dualismus von Konzept und Technik in Musik und Kunst« in: Christoph Metzger, Hg., Conceptualisms in Musik, Kunst und Film, Saarbrücken, Pfau Verlag 2003, S. 31 - 40



DIETER DANIELS
ist Professor für Kunstgeschichte und Medientheorie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig.
www.hgb-leipzig.de/daniels
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